Nachdem meine Tochter ein halbes Jahr lang in Uganda soziale Arbeit geleistet hat, ist auch für mich das Thema des sozialen Reisens etwas weiter in den Vordergrund gerückt. So bin ich auch auf DeeperTravel gestoßen. Dieser Artikel stellt dir DeeperTravel näher vor – unter anderem mit sehr spannenden Einblicken in die Motivation der Gründerin, Eva Gaderer.

DeeperTravel – was ist das?

„Andere Kulturen nicht nur besuchen sondern erleben“ heißt es auf den Seiten von Eva Gaderer und Robert Bichler, was das Ziel von DeeperTravel perfekt auf den Punkt bringt.

DeeperTravel richtet sich dabei nicht nur an Personen, die sich für soziale Arbeit interessieren, sondern generell an Reisende, die sich sehr viel näher für ein Land und dessen Menschen interessieren, als es üblicherweise Touristen tun.

Neben der Mitarbeit in sozialen Projekten kann man sich auch auf andere Arten auf Reisen sozial engagieren, zum Beispiel in Form der Betreuung von Umweltschutzprojekten. In diesem Zusammenhang spielt natürlich auch Nachhaltigkeit eine große Rolle, jenes Thema, welches ich mir mehr und mehr an die Fahnen geheftet habe.

An einem Fluss in Uganda

An einem Fluss in Uganda, (c) Sandra Gassner

Da ich Eva auch schon persönlich kennenlernen durfte (während einer Abendveranstaltung im Rahmen der ABCstar 2017, einer österreichischen Bloggerkonferenz), ist mir die Idee gekommen, diesen Artikel in Form eines Interviews zu gestalten. Ich finde es immer besser, nicht über Personen und ihre Projekte zu sprechen, sondern mit den Personen. Dankenswerterweise hat sich Eva sofort bereit erklärt, meine Fragen zu den Hintergründen ihrer Seiten bzw. ihrer Initiative zu beantworten.

Interview mit Eva von DeeperTravel

Horst: Eva, DeeperTravel wurde Ende 2014 als Verein gegründet. Du selbst reist sehr gerne und bist schon seit über 20 Jahren in der Welt unterwegs. Gab es auf diesen Reisen eine Art Schlüsselerlebnis, welches dich zum Umdenken gebracht?

Eva: Ja, definitiv. Ich habe während eines Auslands­semesters in Nicaragua einige Freiwillige kennen gelernt und sie haben ihre Erfahrungen mit mir geteilt. Einige waren sehr unglücklich und unzufrieden mit ihrer Situation. Ihre Aufgabenbereiche waren nicht klar definiert, sie hatten keine Ansprechpartner vor Ort und sie hatten sehr viel für ihren Einsatz bezahlt. Ich habe damals nicht verstanden, warum man für Freiwilligenarbeit auch noch bezahlen soll, also über Transport, Unterkunft und Verpflegung hinaus. Damals habe ich dann neben dem Studium auch als Freiwillige bei einem Tourismusprojekt (als Guide für Vulkanwanderungen) mitgearbeitet und begonnen mich mit der Materie weiter zu befassen. Schlüsselerlebnisse waren also die Fragen, die erstmals auftauchten, wie zum Beispiel, „warum ‚bucht’ jemand einen Freiwilligeneinsatz und organisiert sich das nicht selbst?“, oder „nimmt man als Freiwillige jemanden den bezahlten Job weg?“ Diesen und anderen Fragen gehen wir heute mit der DeeperTravel Volunteer Reisen Plattform auf den Grund.

Horst: Für Freiwilligenarbeit auch noch bezahlen – das war und ist auch noch eine Frage, die mir persönlich auf den Lippen brennt. Meine Tochter musste für ihren halbjährigen Einsatz ca. 2.400€ für Impfungen, Flug, Unterkunft und Essen bei einer Gastfamilie aufbringen. Pro Monat vor Ort gab es dann noch 40€ Taschengeld. Das war für mich schon unverständlich genug. Wenn du aber sagst „darüber hinaus“ – was bedeutet das? Wirklich dafür bezahlen, dass man überhaupt mitarbeiten darf? Und wenn ja – worin liegt das begründet? Rein emotional würde ich sagen, dass man hier sozial engagierte Menschen einfach nur ausnutzt.

Eva: Für Freiwilligenarbeit, bzw. ehrenamtliches Engagement bezahlt man in der Regel nichts. Es gibt unzählige Vereine, Initiativen und Projekte (in Österreich) die sich über freiwillige Mitarbeit freuen. Was die Kosten bei Freiwilligenarbeit im Ausland verursacht, ist der Tourismusaspekt. Impfungen, Transport, Verpflegung und Unterkunft braucht man ja auch bei jeder anderen Reise.

Das von mir erwähnte „darüber hinaus“ sind dann die Kosten, die bei der Organisation einer Reise entstehen. Dazu zählen beispielsweise Personalkosten, Werbekosten, etc.. Ein Unternehmen muss kostendeckend arbeiten, die großen AnbieterInnen machen sicher auch gute Profite.

Wenn man sich eine Volunteer Reise organisieren lässt, fallen diese Fixkosten immer an, bei NGO basierter Freiwilligenarbeit werden sie teilweise von Spenden- und Steuergeldern getragen, bei kommerziellen AnbieterInnen nur von den KundInnen. Jeder Person, die sich für Freiwilligenarbeit im Ausland interessiert, steht es frei, sich die Reise selbst zu organisieren. Anderenfalls kann man die Angebote der NGOs wahrnehmen; dafür gibt es teilweise sogar finanzielle Zuschüsse (siehe WeltWegWeiser).

Die Vorbereitung kann bei derartigen Freiwilligendiensten allerdings aufwändiger sein. Auch bei den privatwirtschaftlichen AnbieterInnen gibt es große Preisschwankungen, wichtig ist dabei die Kostentransparenz. Wir haben diesen Artikel darüber geschrieben: Warum soll ich für Freiwilligenarbeit im Ausland bezahlen?

Ich denke, sehr viel Verantwortung liegt bei den Freiwilligen selbst – je weniger sie sich „ausnutzen“ lassen, desto besser für die verantwortungsvollen Anbieter.

Boote am Viktoriasee

Boote am Viktoriasee, (c) Sandra Gassner

Horst: Ah, okay – verstehe! Wer seine Reise selber finanziert, für den oder die fallen solche Kosten dann also nicht an.

Das Thema Freiwilligenarbeit im Zusammenhang mit Waisenhäusern ist in der Presse ein viel diskutiertes Thema. Da liest man auch von kriminellen Organisationen, die Kinder ihren Eltern wegnehmen, um Waisenhäuser zu füllen und damit Geld zu machen. Hast du persönlich damit schon Erfahrungen gemacht? Bzw. was ist generell deine Einstellung zu Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern? Von meiner Tochter weiß ich, dass die Kinder viel Freude mit ihr hatten, der Abschied nach einem halben Jahr war dann aber auch schwierig (für beide Seiten).

Eva Gaderer von DeeperTravel

Eva Gaderer, (c) Elke Holzmann

Eva: Ich persönlich habe damit keine Erfahrungen gemacht, empfehle zum Thema das Buch ‚Das Gegenteil von Gut‘ von Daniel Rössler, der Verein Braveaurora in Linz setzt sich aktiv für die Reintegration der ‚illegalen‘ Waisen in einem Dorf in Ghana ein. Aus der Perspektive des Kinderschutzes sind Waisenhäuser schon an sich problematisch und der Trend geht in die Richtung ohnehin schon traumatisierte Kinder nicht in Institutionen zu bringen, sondern in Familien oder Kleingruppen unterzubringen. Der Waisenhaustourismus geht genau in die gegenteilige Richtung, indem die Kinder auch noch touristisch ausgebeutet werden. Über Kinderschutz in der Freiwilligenarbeit haben wir gemeinsam mit dem Verein ECPAT diese Broschüre herausgegeben: FAIRE FREIWILLIGENARBEIT IM AUSLAND – Kinderschutz im Reisegepäck? (PDF)

Horst: Für mich ist das Thema Nachhaltigkeit sehr wichtig geworden. Welche Aktionen setzt DeeperTravel in diese Richtung? Hättest du zum Beispiel ein Projekt, welches du einem Natur-Begeisterten Menschen ans Herz legen könntest?

Eva: Nachhaltigkeit ist dem Verein DeeperTravel ein sehr wichtiges Anliegen, unsere Aktionen dahingehend sind hauptsächlich entwicklungspolitische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Wir lesen, forschen, publizieren und halten Vorträge oder Workshops zum Themenfeld faires und nachhaltiges Volunteer Reisen.

Zu deiner zweiten Frage: als DeeperTravel sind wir unabhängig und vermitteln und empfehlen deshalb keine Volunteer Projekte direkt. Aber persönlich kann ich dir zum Beispiel die Foodcoop und Foodsharing Bewegung (in deiner Region) ans Herz legen. Zu wissen wo die Lebensmittel herkommen und sich kritisch mit dem Thema zu befassen finde ich sehr interessant. Alleine in Salzburg gibt es 3 Foodcoops, wo man sich einerseits ehrenamtlich einbringt und andererseits seine Lebensmittel direkt von der ProduzentIn beziehen kann, regional, biologisch und saisonal.

Unter Foodcoops.at wird das Konzept genauer erklärt und alle österreichischen Foodcoops aufgelistet. Auch die Arbeit der Naturfreunde (und selbstverständlich des Alpenvereines) finde ich äußerst wichtig, für naturbegeisterte Menschen kann man sich außer einer ‚normalen‘ Mitgliedschaft sicher auch noch tiefer einbringen. Dann gibt es zum Beispiel Umweltschutz-Workcamps oder koordinierte Müll-Sammel Aktionen. Nachhaltigkeit beginnt für mich aber beim eigenen alltäglichen Konsumverhalten und das erscheint der schwierigste Part, wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist.

Horst: Du hast eingangs die Frage aufgeworfen, ob man als Freiwillige jemanden den Job wegnehmen würde. Diese lässt sich sicher nicht so pauschal beantworten und hängt wohl stark von der Tätigkeit ab, die man vor Ort leistet. Gibt es Einsätze, von denen du unter diesem Aspekt eher abraten würdest und welche, die dir besonders am Herzen liegen würden?

Eva: Du hast die Frage eigentlich schon selbst beantwortet 😉 . Ja, es hängt immer davon ab. Grundsätzlich halte ich Freiwilligenarbeit in privatwirtschaftlichen Tourismusbetrieben (Hostels, etc.) für etwas problematisch, allerdings müsste man sich da jeden einzelnen Fall genau ansehen. Zum Beispiel könnten Volunteers zusätzlich zum Personal eingesetzt werden und sehr viel dabei lernen.

Horst: Meine letzte Frage an dich – was wolltest du unbedingt noch zum Thema loswerden, wonach ich aber nicht gefragt habe?

Eva: Ich finde es toll, dass sich so viele Menschen in Österreich ehrenamtlich engagieren. Wer sich für das Thema interessiert, kann uns gerne auch per Email oder auf Facebook mit Fragen kontaktieren, wir freuen uns darauf. Auch bei uns im Verein sind neue Mitglieder und Ehrenamtliche immer sehr herzlich willkommen!

Horst: Ganz herzlichen Dank, Eva, dass du meine Fragen so geduldig und ausführlich beantwortet hast!

Ich persönlich konnte während dieses Interviews mit Eva sehr viel lernen, was Freiwilligenarbeit anbelangt und kann mir nun auch sehr viel besser vorstellen, was Eva (und Robert) mit DeeperTravel wirklich tun. Ihre Arbeit empfinde ich als äußerst wertvoll für unsere Gesellschaft! Neben umfangreicher Informationen zum Thema Freiwilligenarbeit gefällt mir persönlich auch ihr Einsatz für Nachhaltigkeit und den Erhalt unserer Umwelt sehr gut.

Solltest du DeeperTravel noch keinen virtuellen Besuch abgestattet haben – jetzt wäre ein ausgezeichneter Zeitpunkt dafür!

DeeperTravel

Hast du selber schon Freiwilligenarbeit geleistet oder hast du das eventuell vor? Schreib es mir gerne in die Kommentare!

Das Thema des sozialen Reisens rückt in der letzten Zeit immer mehr in den Vordergrund. So bin ich auch auf DeeperTravel gestoßen. Dieser Artikel stellt dir DeeperTravel näher vor - unter anderem mit sehr spannenden Einblicken in die Motivation der Gründerin, Eva Gaderer.