Kann man ein Buch mit einem solchen Titel wirklich ernst nehmen?

100 Länder, 100 Räusche, 100 Frauen und jemand, der mit dem Vorhaben startet, in jedem Land mit einer anderen Frau zu schlafen? Das ist für mich schon ziemlich Macho-mäßig und oberflächlich. Kann so ein Buch wenigstens irgendwie unterhaltsam sein?

Wirklich lehrreich in Bezug auf die 100 erwähnten Länder? Damit rechne ich offen gesagt bei so einem Titel ganz und gar nicht.

Wenn du dich fragst, warum ich so ein Buch auf meinen Seiten überhaupt rezensiere: der Autor hat mir im Vorfeld geschrieben, dass er auch zweimal in Österreich gewesen ist, davon einmal ca. ein Jahr lang. Und da war ich dann doch recht gespannt, was er in meinem Heimatland an Erfahrungen gemacht hat.

Anmerkung: mir wurde das Buch „100 Länder, 100 Räusche, 100 Frauen – Meine verrückte Reise um die Welt“ als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Den nachfolgenden Artikel hat das selbstverständlich nicht beeinflusst – es gab keinerlei Vorgaben oder Wünsche seitens des Verlages oder des Autors.

Wer schreibt so etwas und warum?

Man stellt sich ganz zu Beginn die Frage: welcher Mensch steckt hinter so einem Buch? Wie tickt er? Und warum will er so ein Buch überhaupt schreiben, welches ihn zumindest dem Titel nach bestenfalls als trinkfesten Draufgänger aussteigen lässt?

Micha wird in seinem Heimatort als „spinnerter Metzger“ und als jemand der gerne tiefer ins Glas schaut, gesehen. Eigenen Aussagen nach hat er sich schon mit 13 Jahren zum Alkohol sehr hingezogen gefühlt und dabei auch noch gekifft.

Und dass er im angetrunkenen Zustand dann gerne dick aufgetragen hat, wirft man ihm ebenso vor. Das könnte die 100 Frauen im Buchtitel erklären.

Auf jeden Fall habe ich das Buch mit gemischten Gefühlen in die Hand genommen. Bleibt das Niveau bis zur letzten Seite erträglich? Ist es unterhaltsam genug? Will ich es auch wirklich zu Ende lesen?

Zum Inhalt

Der spinnerte Metzger – Vorwort

Im knapp 10-seitigen Vorwort erfährt man, dass Micha als Metzgerlehrling dem Alkohol sehr zugetan war. Aufgrund seines recht intensiven Alkoholkonsums sind auch seine Hände mit Narben überzogen und einmal hat er sich nahezu den Finger abgetrennt, als er mit zuviel Alk im Blut seinem Beruf nachging.

Micha

Micha, der Autor (Ausschnitt aus dem Cover des Buches)

Nach der Lehre hat er das Abitur nachgeholt und wollte danach als Berufssoldat sein Geld verdienen. Den Beruf des Metzgers wollte er keinesfalls mehr weiter ausüben.

Da er bis zu Beginn des Jobs als Berufssoldat ein paar Monate Leerlauf hatte, jobte er in der Nacht am Fließband. Mit seinen Eltern kam er sich immer mehr in die Quere und so wollte er irgendwann nur noch weg.

„Diese Endlosschleife aus Arbeit, kleinkarierter Muffigkeit und Suff durchbrechen“.

Alles beginnt in Australien

Australien soll es sein. Wenn schon, denn schon! Völlig ahnungslos und ohne Plan.Mit 700€ und ohne Englisch-Kenntnisse. Überrascht, dass es Länder mit anderen Steckdosen gibt. In den ersten Tagen ein gnadenloser Sonnenbrand, weil sich Micha das Geld für die Sonnencreme ersparen wollte.

Und so wollte der Metzger aus Sachsen nach nur ein paar Tagen dann nur noch nach Hause. Bis ihn eine Brasilianerin von der Heimreise abgehalten hat. Wie? Einmal darfst du raten! 😉

So beginnt er sich in Australien nach Jobs umzusehen. Erarbeitet sich das notwendige Geld mit teilweise nicht ganz legalen Jobs, um dann die Entscheidung zu treffen: er will zumindest ein Jahr in Australien bleiben! Sex und Alkohol scheinen dabei eine omnipräsente Rolle zu spielen.

Trotzdem bekommt man zumindest auch ein paar Infos zu Australien, wenn diese auch dünn gesät sind. Aber wie eingangs erwähnt: meine Erwartungen in diese Richtung waren nicht hoch und so kam das für mich auch nicht überraschend.

Micha stolpert von Abenteuer zu Abenteuer und schafft es immer wieder, sich durch verschiedene Jobs über Wasser zu halten. Zum Beispiel als Koch auf einem Fischerboot, obwohl er nie Koch gelernt hat. Und wurde von der Crew wohl auch für ihn wenig überraschend als „schlechtester Koch, den sie jemals an Board hatten“ bezeichnet. Trotzdem: das spülte viel Geld in seine sonst so klamme Urlaubskasse.

Zur notwendigen Verlängerung des Visums nach dem ersten Jahr ist Micha eine Zweck-Ehe eingegangen. Mit einer Australierin, die unbedingt nach London wollte. Und mit der er sich seiner Schilderung nach nur im angetrunkenen Zustand ganz gut verstanden hat.

Und dann geht’s um die halbe Welt

Micha erlebt unzählige Abenteuer in am Ende 100 Ländern – mit kurzen Zwischenstopps Zuhause.

Auch in Österreich kommt Micha vorbei – sogar zweimal: einmal in Vorarlberg als Küchenhilfe in der Wintersaison im Hotel Sonnenburg. Und ein zweites Mal für ein ganzes Jahr als Koch beim Stanglwirt in Going am Wilden Kaiser, wo er vom Laien zum Chefkoch mutiert ist.

Von Österreich erfährt man an der Stelle so gut wie nichts. Außer, dass die Wintersaison von Dezember bis April sehr stressig ist. Und dass man scheinbar bei Après-Ski-Parties häufig auf Frauen trifft, die sich zumindest von sächsischen Metzgern recht schnell aufs Zimmer bringen lassen 😉 . Micha hat mir dann noch geschrieben, dass er auch noch ein halbes Jahr in Serfaus und Fiss gewesen ist. Seitdem macht er auch regelmäßig Urlaub in Österreich.

Trotzdem lernt er in den 8 Jahren auch Land und Leute kennen. Von tiefen-entspannten Fidschianern bis zu mega-gestressten Japanern. Als Backpacker der alten Schule mit wenig bis keiner Planung, sondern Improvisation vor Ort.

Selbstdarsteller und Blogger, denen Selfies weit wichtiger sind („Generation Selfie-Stick“), als die Menschen selbst, regen Micha übrigens ziemlich auf. Der Seitenhieb an dieser Stelle sei mir erlaubt: sich über Selbstdarsteller beschweren, aber ein Buch mit so einem Titel zu schreiben – wie passt das zusammen?

Vorurteile?

Man sollte ein Buch oder den schreibenden Menschen hinter einem Buch trotzdem nicht unbedingt am Buchtitel / dem Umschlag beurteilen! Das habe ich gelernt, nachdem ich das Buch zu Ende gelesen habe.

Der Schreibstil hat mir wirklich gut gefallen und so liest sich das Buch schon auch recht gut und flüssig. Es ist humorvoll und auch mit viel Selbstironie geschrieben. Die vielen Bettgeschichten sind ganz bestimmt nicht jedermanns / jederfrau Sache und ich persönlich halte nicht allzu viel von solchen Draufgängern.

Der Mensch im Macho

Micha zeigt aber auch eine sehr menschliche Seite. So sind ihm im Kriegsmuseum von Hiroshima die Tränen gekommen.

Er akzeptiert keine Form von Extremismus oder etwas, das die Vielfalt auf unserem Planeten einschränkt. Ein Tattoo beweist diese Grundhaltung und den „Respekt vor anderen Religionen und Lebenseinstellungen“. Wenn man weiß, dass insbesondere Sachsen schon auch seine Probleme mit Fremdenhass hat, dann finde ich es umso schöner, wenn es dort auch Menschen gibt, die sich ganz offen gegen Fremdenhass stellen.

Am rechten Ellenbogen trägt er ein Recycling-Zeichen. Dieses hat er sich in St. Johann in Tirol stechen lassen, wo ihm aufgefallen ist, wie fahrlässig wir Menschen teilweise mit unserer Natur umgehen.

Spätestens an dieser Stelle im Buch musste ich mein Vorurteil, welches ich mir nach dem Buchtitel gemacht habe (eher oberflächlicher Draufgänger und Macho), ablegen. Der Mann ist spätestens durch seine Reisen ungemein gereift und ich bin überzeugt: wir würden uns wohl auch ganz gut verstehen. Und am Ende hat er sogar seine große Liebe gefunden …

Schlusswort / Resümee

In Bezug auf seine Sex-Geschichten mit den vielen Frauen, sollte man nicht empfindlich sein, wenn man sich das Buch kauft. Zumindest bei einigen Kommentaren bei Amazon wird das teilweise heftig kritisiert. Der Autor wird dort als einer beschimpft, der mit seinen Sex- und Alkohol-Geschichten nur angeben wolle.

Aber eine Durchschnittsbewertung zwischen 4 und 5 Sternen zeigt auch, dass das Buch bei vielen Lesern durchwegs auch sehr gut ankommt.

Mir hat das Buch am Ende schon auch gefallen. 3-4 Sterne von mir. Seine Frauen-Geschichten muss man deshalb ja nicht gut heißen.