Wie geht man mit einem Problem um, bei dem man selbst Teil des Problems ist? Nahezu jeder macht gerne Urlaub und wenn man den Vorausberechnungen glauben darf, wird die Zahl der Touristen von über 1,3 Milliarden im Jahr 2018 auf ca. 1,8 Milliarden bis zum Jahr 2030 ansteigen.

Aber wie viele Touristen erträgt eine Region?

Das kleine Örtchen Hallstatt mit seinen nicht einmal 800 Einwohnern suchen jährlich nahezu 1 Million Touristen auf. 2017 waren es um die 16.500 Reisebusse (Quelle: Zu viele Touristen – Hallstatt zieht Notbremse), 2018 gar schon 19.344 (Quelle: Hallstatt steigt auf die Notbremse: Zahl der Touristenbusse wird limitiert). Das ist ganz klar zu viel des Guten für die dort lebenden Menschen. Unter anderem auch deshalb, weil der ein oder andere Tourist auch die Privatsphäre der Anwohner mit Füßen tritt und für das besondere Foto schon auch einmal in einen privaten Garten steigt.

Nahezu eine Million Touristen auf nicht einmal 800 Einwohner - kann das auf Dauer gut gehen? #nachhaltigkeit #overtourism @VisitHallstatt Klick um zu Tweeten

Overtourism als Steigerung zum Massentourismus wird immer mehr zu einem Problem.

Tourist go home!

In Barcelona haben die Einwohner genug von den Touristen und halten damit nicht mehr hinter dem Berg. Straßen und Hauswände werden mit „Tourist go home, refugees welcome!“ besprüht, Demos gegen den Tourismus werden veranstaltet. 32 Millionen Touristen jährlich überschwemmen die prächtige Stadt am Mittelmeer. Schaffen sich in der La Rambla mit dem Ellbogen Platz. Überfüllen Mülltonnen und blockieren alle paar Meter den Weg für das ach so wichtige Selfie für Instagram.

Zudem gibt es immer mehr AirBNB Anbieter, die den Einheimischen den Wohnraum wegnehmen. Es lohnt sich einfach mehr, als so ein Dauermieter, der am Ende auch noch höhere Ansprüche stellt. Hier beginnt die Politik gegenzusteuern und schränkt die Anzahl erlaubter Nächtigungen pro Jahr ein und geht vor allem auch gegen nicht lizenzierte Anbieter vor und setzt AirBNB unter Druck. Denn in Barcelona macht AirBNB schon 18% der Nächtigungen aus, Tendenz steigend (Quellen: Overtourism worries Europe / Overtourism in Barcelona – are the battle lines drawn).

In Venedig hat man mit einer bereits abwandernden Bevölkerung zu kämpfen, weil die Einwohner die vielen Touristen einfach nicht mehr ertragen können.

Venedig - Grenze bereits überschritten

Venedig – Grenze bereits überschritten

In Amsterdam hängen Anwohner Bilder von Kindern mit dem Hinweis „hier wohnen Menschen“ in die Fenster, um die lärmenden Touristen darauf hinzuweisen, dass in dieser Stadt erstaunlicherweise auch noch jemand wohnt, der hin- und wieder gerne schlafen würde. O-Ton eines Touristen in einer TV-Dokumentation zum Problem Overtourism: „Ja wenn es ihnen zu viel wird, warum ziehen sie dann nicht weg?“.

Und wenn in der Kaigasse in Salzburg Touristen im Stiegenhaus von Wohnhäusern Abkühlung suchen, dann ist auch das für die dort wohnenden Menschen kein Spaß.

Wo ist die Grenze und wer definiert sie?

Aber wo ist die Grenze? Erst wenn sie deutlich überschritten wird, wird sie für jeden sichtbar.

Cinque Terre in Italien ist auch so ein Beispiel, wo man auf den ersten Blick sieht: das ist einfach zu viel! Wenn zu viele Ausflugsboote zu viele Touristen auf einmal an Land spülen. Wenn der Steg unter der Last der Hundertschaften ächzt, die in den Ort strömen.

Overtrousim - zu viel des Guten in Cinque Terre

Overtrousim – zu viel des Guten in Cinque Terre

In den 5 kleinen Örtchen werden verständlicherweise immer mehr Stimmen laut, dass man die Anzahl der anlegenden Ausflugsboote begrenzen sollte. Denn wenn in der Hauptsaison die kleinen Gässchen vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag verstopft sind, dann macht das den Anwohnern verständlicherweise nur sehr wenig Freude.

Aber so einfach ist es leider nicht. Denn es gibt sehr viele, die am Tourismus gut verdienen. Begrenzt man die Anzahl der Touristen, so nimmt man zwangsläufig irgendjemand Geld weg. Und dieser Irgendjemand wird sich wehren.

In Dubrovnik ist man den Schritt schon gegangen: 2019 sollen maximal 2 Kreuzfahrtschiffe täglich in der in der Hauptsaison völlig überfüllten Stadt in Kroatien anlegen dürfen. (Quelle: Zu viele Touristen – Spiegel-Online)

Wie mich diese vielen Touristen nerven!

Von welchem Touristen hat man genau diesen Satz nicht schon genau so gehört? Da wandert man zwei Stunden auf einen Berg, nur um dann am Gipfel von Menschenmassen „überrascht“ oder von Selfie-Sticks im wahrsten Sinne nahezu erschlagen zu werden. Von jenen Menschenmassen, die per Bahn hochgekommen sind. Und dir dann ständig mit ihren Stöckelschuhen durchs geplante (möglichst menschenfreie) Gipfelbild laufen. Dem Gipfelbild, welches Freiheit, Ruhe und Entspannung vermitteln soll.

Mit viel Stolz hat man 2018 die neue Zugspitzbahn präsentiert, die nun bis zu 580 Personen pro Stunde auf den Gipfel bringen kann (Eine Seilbahn der Superlative). Ein zweischneidiges Schwert. Während sich die einen freuen, dass man damit mit einer weiteren Steigerung der Touristen um 10% rechnen darf, jammern die anderen vom kompletten Ausverkauf der Zugspitze an den Massentourismus.

„Insider“ wissen natürlich: wer auf einen Berg wandert, auf den auch eine Bahn führt, der sollte das außerhalb der Betriebszeiten tun. Oder sich von vorne herein auf den ein oder anderen Touristen einstellen.

Zu schnell vergisst man, dass man aber selber Teil des Problems ist.

Wie mit diesem Problem umgehen?

Eine Steigerung der Anzahl der Touristen galt jahrelang als „good news“, aber das beginnt sich zumindest mancherorts langsam zu ändern.

Zuviel Touristen lassen oftmals nicht mehr nur die Stimmung in der Bevölkerung sinken, sondern auch unter den Touris selbst. Zuviele Menschen an einem Ort zerstören den Ort für Einheimische und Touristen gleichermaßen. Die sich in den Hot-Spots immer mehr gegenseitig auf die Zehen steigen. Die immer längere Schlangen an den Kassen oder Eingängen von Tourismusattraktionen bilden, die ganze Gassen verstopfen.

Durch steigende Technik können immer mehr Leute in immer kürzerer Zeit an einen Punkt der Begierde gebracht werden. Immer größere Flugzeuge und immer noch billigere Flüge, die immer mehr Passagiere fassen können. Kreuzfahrtschiffe, die potentiell eine Kleinstadt mit über 5000 Einwohnern (5000 Passagiere und mehr: die neuen Ozeanriesen) auf einmal an Land spucken – welcher Ort soll so etwas ertragen? Kann man die Aida Nova mit 6.600 Passagieren wirklich mit gutem Gewissen in den Hafen einlaufen lassen?

Touristenstrom begrenzen

Sollte man also die Anzahl der Touristen wirklich begrenzen? Auf die Schnelle würde man sagen: ja, muss man! Aber so einfach ist das nicht.

Der Tourismus schafft auch viele Arbeitsplätze und sorgt auch für Wohlstand in der entsprechenden Region. Begrenzt man den Tourismus, begrenzt man damit zwangsläufig auch die Einnahmen von Hotels, Reiseveranstaltern, Busunternehmen, Eisverkäufern, Souvenierläden etc..

Wer also den Versuch unternimmt, den Touristenstrom einzuschränken, muss mit Widerstand rechnen. Ein heißes Eisen, welches deshalb nicht gerne angegriffen wird. Politiker wollen wieder gewählt werden und solange die Nutznießer des Tourismus in der Überzahl gegenüber der übrigen Wählerschaft sind, wird man sich hüten, Schritte zu Einschränkung des Tourismus einzuleiten.

Und wie sollte man das dann umsetzen, ohne Gefahr zu laufen, dass durch die Verringerung des Angebotes die Preise steigen und reisen in die schönsten Gegenden so nur noch für die Wohlhabenden leistbar werden könnte?

Touristenstrom lenken

Eine Alternative wäre, dass man die Anzahl der Touristen nicht generell begrenzt, sondern versucht, den Touristenstrom bewusst zu lenken.

So gibt es zum Beispiel für Amsterdam eine City-App, anhand der man aufgrund der Anzahl der Besucher bestimmter Sehenswürdigkeiten versucht, diese zu anderen Orten umzulenken, sofern die Anzahl der Besucher an einem Ort zu hoch wird.

Auch eine simple Umbenennung eines Ortes kann schon helfen, Touristen umzulenken. Beispiel: durch die Umbenennung des Schlosses Muiderslot in Amsterdam Castle Muiderslot soll sich die Anzahl der Besucher des Schlosses verdoppelt haben.

In Norwegen gibt es Touristenstraßen (Norwegische Landschaftsrouten), die intensiv für Touristen beworben und ausgebaut werden. So lenkt man die Mehrzahl der Touristen genau auf diese Straßen und entlastet damit den Rest des Landes. Man setzt hier also eher auf „Zentralisierung“ und nicht auf möglichst regelmäßige Verteilung.

Infrastruktur verbessern

Eine Folge des Tourismus ist oft auch, dass die Natur zu stark belastet wird. Viele Touristen und darunter das ein oder andere „Ferkel“ – und schon landet der Müll immer öfter in der Landschaft. Und wie man weiß, wird viel eher etwas weggeworfen, wenn „ohnehin“ schon etwas herumliegt.

Dass dabei selbst Mistkübel am Ausgangspunkt einer Wanderroute nicht helfen müssen, ist leider auch eine Tatsache. Hier ist am Ende trotzdem jeder einzelne gefragt, für Saubere Berge zu sorgen.

Müllausbeute auf dem Weg zum Nockstein

Müllausbeute auf dem Weg zum Nockstein

Trotzdem ist im Bereich der Infrastruktur anzusetzen und diese entsprechend auszubauen, um die Auswirkungen des Massentourismus zu minimieren oder idealerweise im Keim zu ersticken.

Ein sehr positives Beispiel ist auch hier Norwegen, die entlang der oben erwähnten Touristenstraßen dafür sorgen, dass man alle paar Kilometer einen Parkplatz mit Toiletten, Raststätten und Mülltonnen vorfindet. Ähnlich, wie man es sonst in Österreich oder Deutschland zumeist nur auf Autobahnen vorfindet.

Auch der Ausbau des öffentlichen Verkehrs oder von Busangeboten für Touristen, wie zum Beispiel die in vielen Städten vorzufindenden Hop-On Hop-Off Busse tragen ihren Teil zur Verringerung der Individualverkehrs bei.

Was kannst du als Tourist tun?

Leider ist es oft so, dass viele Touristen glauben, im Urlaub so gut wie alles tun zu können. Sieht mich ja keiner. Und so kennt die Peinlichkeit oft keine Grenzen. In Badeshorts und Schlapfen, die man im eigenen Ort seinem größten Feind nicht anziehen würde, samt Kapperl am Kopf in einen Dom gehen? Würde man Zuhause nie tun, aber im Urlaub geht das schon!

Und wenn besoffene Malle-Urlauber grölend im Meer sitzen und einer die dort soeben geleerte Sektflasche in hohem Bogen unter dem Jubel der anderen ins Meer wirft, dann darf man sich nicht wundern, hier unerwünscht zu sein.

Benimm dich im Urlaub also mindestens so gut, wie du es Zuhause unter Beobachtung deines Chefs tun würdest. Nimm darauf Rücksicht, dass du Gast in einem Land bist und dich idealerweise auch an die Gepflogenheiten im Land anpassen solltest.

Der Müll gehört auch im Urlaub in die Mülltonne und nicht auf die Straße – wie auch immer dieser Ort schon vorher ausgesehen haben mag. Vermeide wenn möglich die Hauptsaison und weiche auf die Nebensaison aus. Suche besser unbekanntere Gebiete auf, wo sich die einheimische Bevölkerung noch über Touristen freut. Nutze so oft es geht öffentliche Verkehrsmittel statt dem eigenen Auto oder dem Mietwagen.

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Was sind deine Erfahrungen mit Massentourismus bzw. Overtourism? Hast du Ideen, wie man diesen besser bewältigen kann? Schreib es mir gerne in den Kommentarbereich!

Wie viele Touristen erträgt eine Region? Das kleine Örtchen Hallstatt mit seinen nicht einmal 800 Einwohnern suchen jährlich nahezu 1 Million Touristen auf.