Beim Castlecamp 2018 auf der Burg Kaprun habe ich eine Session zum Thema Overtourism gehalten. Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung dieser äußerst interessanten Diskussion. Solltest du an einer generellen Zusammenfassung zum Castlecamp interessiert sein, eine solche findest du hier: Castlecamp 2018 – der Rückblick.

Overtourism war meine 2. Session, die ich beim Castlecamp gehalten habe, nachdem ich mich im letzten Jahr dem Thema Social Media Overkill gewidmet habe. Scheinbar neige ich zu eher kritischen Themen.

Diesmal bin ich nicht ganz blank in die Session gegangen, wie es 2017 noch der Fall war, sondern habe mir am Vorabend ein paar Fragen zum Thema Overtourism überlegt. Fragen, die mich auch selber immer wieder beschäftigt haben und auf die ich schon beim Schreiben des Artikels Overtourism – zu viel des Guten im Vorfeld gestoßen bin.

Beim Castlecamp 2018, (c) Achim Meurer

Beim Castlecamp 2018, (c) Achim Meurer

Einstieg in die Diskussion

Der kleine Session Raum der Burg Kaprun war sehr gut gefüllt (um die 30 Teilnehmer), das Thema Overtourism beschäftigt aktuell eben sehr viele. Egal, ob aus der Sicht eines Touristen oder eines im Tourismus Beschäftigen (Tourismusverband, Hotel, …).

Sind es im Jahr 2018 geschätzte 1,3 Milliarden Touristen weltweit, so rechnet man für das Jahr 2030 schon mit 1,8 Milliarden. Manche Orte platzen schon jetzt aus allen Nähten. Und so taucht der Begriff auch immer öfter in den Medien auf.

Quasi zum Aufwärmen und als Einstieg in das Thema, habe ich die Frage an die Runde gestellt, wer schon persönlich mit Overtourism zu tun gehabt hat. Eine fast schon überflüssige Frage, aber so ist die Diskussion von Beginn sehr gut ins Laufen gekommen. Hierzu hätte wohl jeder im Raum eine kleine Story erzählen können.

Auswirkungen von Overtourism

Im Alltag

Wenn man als Einheimischer in einem Touristenort lebt, hat man unter den Auswirkungen besonders zu leiden. Da nach wie vor viele Touristen Individualreisende mit dem eigenen Auto sind, führt das zu zahlreichen Staus. Wenn man zum Einkaufen im Stau steht und sich später auch im Geschäft wieder in einer langen Schlange zur Kassa einreihen muss, dann kostet das viel Zeit und Nerven. „Schnell einmal“ etwas zum Abendessen holen funktioniert zumindest in der Hauptsaison für viele einfach nicht mehr.

Auch Busse sind ein großes Problem, wenn diese in Massen in einem Ort ankommen. Sie blockieren teilweise beim Ein- und Ausstieg die Straßen oder behindern zumindest ein flüssiges durchfahren des übrigen Verkehrs. Der Verkehr wird damit weiter an den Rand der Orte gedrängt, weil Schleichwege genutzt werden, um die Staus zu umfahren. So leiden immer mehr Einwohner unter dem Tourismus, die bis vor einiger Zeit noch in einer sehr ruhigen Gegend wohnen durften.

In der Freizeit

In der Freizeit wirken sich die Touristenmassen ebenfalls aus. Sehr viele Regionen bieten sogenannte Sommer-Cards oder ähnliches an. Für den Urlauber in der Regel eine sehr gute Möglichkeit, um zum Beispiel Bergbahnen sehr stark vergünstigt oder kostenlos nutzen zu können, wie zum Beispiel die Dachsteinbahn.

Will ein Einheimischer alle Attraktionen nutzen (Bahn, Eispalast, Treppe ins Nichts), so muss er dafür den Normalpreis von über 46,5€ (Stand Saison 2018) bezahlen. Und findet sich an der Bergstation dann unter Menschenmassen wieder. Bewaffnet mit tieffliegenden Selfie-Sticks.

Treppe ins Nichts am Dachstein

Treppe ins Nichts am Dachstein, Warteschlange für das besondere Bild

Ich gebe es zu – ich war selber schon Tourist in dieser Region und habe auch zwei der Bahnen kostenlos genutzt (Dachsteinbahn, Planai). Genaugenommen will man mit diesen Karten ja auch genau das erreichen – nämlich dass die Bahnen möglichst gut ausgelastet werden.

Und das werden sie auch. Auf der Webseite der Dachsteinbahn wird empfohlen, in den Sommermonaten von Mai bis September eine Gondel online zu reservieren. Andernfalls muss man mit Wartezeiten von bis zu 2 Stunden rechnen.

In der Diskussion wurde erwähnt, dass solche Sommer-Cards dazu führen, dass kostenlose Ziele einfach „abgearbeitet“ werden. Abarbeiten einer Bucket-List anstatt zu genießen, lautet ein Vorwurf in der Runde.

Hunde

„Overdogism“ wurde auch noch als Wort in die Runde geworfen. Scheinbar gibt es immer mehr Hotels, die auch Hunde akzeptieren. Das ist grundsätzlich natürlich nicht schlecht. Aber auch hier ist es die Menge, die Probleme macht.

Immer mehr Urlauber nehmen mittlerweile ihren Hund mit. Was dazu führt, dass Bauern schon Loipen sperren, weil der Hundekot für die Wiese aber auch freilaufende Hunde für andere Langläufer immer mehr zum Problem werden. „Lustigerweise“ konnte ich gerade die Nacht zuvor kaum schlafen, weil im Nachbarzimmer meiner Unterkunft 3 kleine Hunde immer wieder einmal gebellt haben.

Preistreiber für Wohnungen

Weiteres Dilemma: die Wohnungspreise werden durch Ferienwohnungen immer höher. So werden in Kitzbühel die Einheimischen immer weiter an den Ortsrand gedrängt.

Auch AirBNB trägt seinen Teil dazu bei, dass Wohnungen eher an Touristen als an Einheimische dauerhaft vermietet werden, da das um den Faktor 2-3 mehr Einnahmen lukriert. Das ist insbesondere auch in Städten wie Barcelona ein Problem.

Was ist ein braver Tourist?

Auf diesen kleinen „Nebenschauplatz“ sind wir in der Diskussion deshalb gekommen, weil ein „braver Tourist“ sehr viel weniger problematisch ist, als ein gedankenlos vor sich hin konsumierender. Die Liste ist sicher nicht erschöpfend, ich habe einfach nur alle „Wünsche“ an Touristen gesammelt, die während der Diskussion aufgekommen sind.

  • er verhält sich ruhig und schreit nicht herum (Stichwort Nachtruhe)
  • betritt keinen Privatgrund für das bessere Foto
  • er lässt seinen Hund Zuhause
  • er nimmt seinen Müll bei Wanderungen wieder mit (siehe Saubere Berge)
  • denkt darüber nach, was sein handeln bewirkt
  • hat Respekt vor der Natur und den Menschen
  • ist kein Egoist und verhält sich als Gast
  • nutzt öffentliche Verkehrsmittel
  • beschäftigt sich mit dem Land und den Leuten
  • ist kein Sandräuber (keinen Sand vom Strand mitnehmen, auch Korallen und Mineralien)

Wie mit dem Problem umgehen?

Eines ist klar, man kann niemanden den Urlaub verbieten. Aber man kann versuchen, die Auswirkungen des Tourismus auf die Einheimischen und die Umwelt so gering als möglich zu halten. Deshalb auch unsere Gedanken zum „braven“ Tourist.

Verbesserte Infrastruktur

Eine gut ausgebaute Infrastruktur (genügend Toiletten, Mülltonnen, …) kann die Auswirkungen in jedem Fall in gewissem Maß eindämmen. Platzt ein Platz aus allen Nähten, so kann auch ein Ausbau helfen.

Ein gutes Beispiel für mich sind hier zum Beispiel die Trollstigen in Norwegen. Vor dem Umbau konnten teilweise kaum noch Autos durch, wenn die Straße wieder einmal links und rechts zugeparkt wurde. Gutes Beispiel deshalb, weil ich der Meinung bin, dass man hier erfolgreich versucht hat, Natur und (Massen-)Tourismus in Einklang zu bringen.

Trollstigen 2005 - da waren es noch kleine Hütten

Trollstigen 2005 – da waren es noch kleine Hütten

Trollstigen 2018 - gelungener Ausbau

Trollstigen 2018 – gelungener Ausbau

Klar – der liebliche Charakter mit den kleinen Souvenierhütten ist verschwunden. Trotzdem hat sich der Architekt offensichtlich viele Gedanken gemacht, das neue Trollstigen Center so gut als möglich in die Natur zu integrieren und trotzdem für genügend Parkplätze zu sorgen. Die Parkplätze sind zum Beispiel nicht zu sehen, wenn  man von der Aussichtsplattform zum Wasserfall wieder zurückgeht (siehe Bild).

Neben dem Problem mit den fehlenden Parkplätzen, ist nun auch das Problem mit dem Mangel an Toiletten behoben. Das Schild, welches darauf hingewiesen hat, dass Pinkeln neben der Souvenierhütte mit 5000 NOK (ca. 520€) bestraft wird, ist verschwunden. Die Höhe der Strafe lässt vermuten, dass das ein wirklich großes Problem dargestellt hat.

Lenken des Touristenstromes

Andere Orte setzen darauf, dass man andere Ziele versucht, schmackhafter zu machen. So hat ein einfaches Umbenennen eines Badestrandes in Amsterdam dazu geführt, dass dieser von Touristen nun viel mehr besucht wird.

Auch Smartphone Apps werden eingesetzt, um den Touristenstrom gezielt zu lenken. Das kann aber nur dann funktionieren, wenn man die Touristen vor Ort auch gut zählen kann. Bei Attraktionen in der Stadt, wo es einen expliziten Eingang gibt, ist das schon jetzt gut machbar.

Mit Hilfe von Apps können sich Touristen zum Beispiel auch über potentielle Wartezeiten an der Kassa oder am Eingang schon im Vorfeld selbst darüber einen Eindruck verschaffen, was sie vor Ort einer Sehenswürdigkeit erwartet.

Der Überfüllung der Getreidegasse in der Salzburger Altstadt will man durch das bewerben anderer Ziele am Stadtrand (zum Beispiel Hellbrunn) entgegenwirken.

Salzburger - Altstadt und Festung

Salzburger – Altstadt und Festung

Der Salzburger Stadt Tourismus hat ein System eingeführt, um die hohe Anzahl der in die Stadt fahrenden Busse unter Kontrolle zu bringen. So dürfen Reisebusse nur noch mit Berechtigung in die Stadt fahren (es gibt ein eigenes Portal im Internet dafür) und bekommen dabei einen Ein-/Ausstiegsplatz zugewiesen. Neben der Paris-Lodron-Straße gibt es nun ein 2. Busterminal in Nonntal. Die Busse bekommen dabei auch nur einen 20 Minuten-Slot und dürfen nicht dauerhaft auf einem der Terminals stehen bleiben.

Genereller Einwand zum Lenken des Touristenstromes: ist das nicht nur eine Verschiebung des Problems in andere Regionen bzw. weiter in die Zukunft? Denn irgendwann werden auch die Randgebiete verstopft sein.

Mengenmäßige Beschränkungen

In Sardinien gibt es schon jetzt mengenmäßige Einschränkungen, die Gebühren werden erhöht. Auch in Geiranger in Norwegen hat man die Anzahl der Fährschiffe pro Tag auf 3 begrenzt.

Sehr interessant fand ich den Vorschlag, dass man Urlaubskontingente in Form einer CO2 Card einführen könnte. „Gute Idee“ war zu hören. Als ich dann aber ganz konkret die Frage gestellt habe, wer denn so eine Einschränkung für sich selbst akzeptieren würde, wurde es eher still im Raum und die Hände blieben unten.

Bessere Kennzahlen verwenden

Aktuell heißt es: Nächtigungszahlen über alles! Liest man über messbare Erfolge im Tourismus, dann fast immer nur im Zusammenhang mit der Anzahl der Nächtigungen. Und das führt dazu, dass man versucht, immer mehr Gäste anzulocken, um eben in diesen Nächtigungsstatistiken vorne dabei zu sein.

Fazit

Das Problem Overtourism existiert in manchen Regionen schon sehr lange. Mittlerweile sind aber immer mehr Orte davon betroffen, da sich immer mehr Menschen das reisen leisten können.

Lösungen in Form von Beschränkungen zu finden, ist sehr schwierig, weil es immer welche geben wird, denen man am Ende damit Geld wegnimmt. Sicher ist aber auch: Nichtstun ist auch keine Lösung, denn sonst gehen die Leute wie in Barcelona irgendwann auf die Straße, um gegen Touristen zu demonstrieren. Am Ende verlieren hier alle – Touristen und Einheimische.

Und bei aller Kritik am Tourismus: er ist natürlich auch ungemein wichtig für viele Orte und Regionen. Er schafft viele Arbeitsplätze und mit Hilfe der Einnahmen des Tourismus wird Infrastruktur geschaffen, von der auch Einheimische am Ende profitieren können.

Leider war die Zeit mit einer Stunde zu kurz. Die Diskussion empfand ich als wirklich sehr spannend und ich hätte gerne noch sehr viel mehr zu diesem Thema besprochen. Ich denke, dass dieses Thema ein ganzes Barcamp füllen könnte.

An alle Teilnehmer: herzlichen Dank für die rege Teilnahme! Sollte ich etwas wichtiges übersehen oder gar etwas unrichtig wiedergegeben haben, bitte gerne melden! Ich ergänze oder korrigiere das natürlich sehr gern!

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung einer äußerst interessanten Diskussion zum Thema Overtourism beim Castlecamp in der Burg Kaprun.